Neue Fehlermeldung zeigt Internetzensur an

7. Januar 2016 Kategorie: News

„Der Inhalt dieser Webseite würde die Bevölkerung verunsichern“ So kann man, in Anlehnung an den berühmten Ausspruch des Innenministers Thomas de Maiziére, den neuen HTTP-Statuscode 451 in deutscher Sprache interpretieren. Offiziell bedeutet die Fehlermeldung: unavailable for legal reasons. Internetinhalte, die aus rechtlichen Gründen nicht in allen Ländern erreichbar sind, können mit diesem neuen Fehlercode gekennzeichnet werden. So werden Beschränkungen aufgrund von Zensur oder Copyright-Bestimmungen identifizierbar.

Fehlermeldung mit dystopischer Botschaft

Der neue Statuscode wurde auf Initiative des Amazon-Mitarbeiters Tim Bray durch die Organisation IESG (Internet Engineering Steering Group) im Dezember 2015 definiert.

Zensur im Internet

Die mit der technischen Weiterentwicklung des Internets befasste Arbeitsgruppe wählte diese Ziffernfolge nicht zufällig oder, wie bisher üblich, fortlaufend. Sie orientierte sich vielmehr an Ray Bradburys Dystopie „Fahrenheit 451“. Der Roman aus dem Jahr 1953 beschreibt eine Gesellschaft, in der selbstständiges Denken als gefährlich und destabilisierend gilt.

Bücher gelten als Brandstifter für nicht-systemkonformes und antisoziales Verhalten. Die Aufgabe der Feuerwehrleute ist nicht das Löschen von Bränden, sondern das Verbrennen von Büchern. Ihre Helme ziert die Zahl 451: Bei dieser Temperatur (in Grad Fahrenheit) geht Papier in Flammen auf.

Internetzensur sichtbar machen

Die Einführung des neuen Codes hat Wellen geschlagen, die weit über die technikaffinen Expertenblogs hinaus auch bis in die Digitalressorts der großen Tageszeitungen schwappte. Denn er reiht sich nicht einfach in die bisherigen Fehlermeldungen ein, sondern fügt diesen eine politische Dimension hinzu.

Die erste Ziffer steht in der Systematik der IESG für die Zuordnung zur Statusklasse der Client-Fehler. Die Ziffer 4 weist darauf hin, dass eine Anfrage nicht aufgrund eines Serverfehlers gescheitert ist. Die bereits zuvor verfügbaren Fehlercodes 403 (forbidden) oder 404 (not found) deuten nicht explizit auf die Ursache des Scheiterns eines HTTP-Requests hin.

HTML-Error-Code-451 Zensur HTTP-Statuscode 451

Der Statuscode 451 dagegen macht ausdrücklich auf Zensur aufmerksam. Denkbar ist auch, den Nutzern Tipps zum anonymen Surfen und zur Umgehen dieser Beschränkungen anzuzeigen. Zusätzlich ist der Fehlercode 451 maschinenlesbar und auswertbar. Die automatisierte Suche nach 451-Codes ermöglicht es, Zensur im Internet zu katalogisieren.

Sprengstoff für Netzaktivisten

Im Entwurf der IETF ist für die Antwort des Servers zusätzlich eine Erklärung vorgesehen, in der die blockierende Instanz sowie die juristische Grundlage transparent gemacht werden sollen. Das Beispiel bedient sich aus dem Film „Das Leben des Brian“ der britische Komikertruppe Monty Python: Die aufgerufene Seite sei innerhalb der römischen Provinz Judäa nicht erreichbar. Eine „Lex Julia Majestatis“ verbiete den Zugang zu Ressourcen auf Servern, die durch die Volksfront von Judäa betrieben werden.

Einem real existierenden Regime, das sich der Zensur bedient, dürften solche explizite Hinweise wohl kaum willkommen sein. Daher ist absehbar, dass die Verwendung des neuen Fehlercodes genau dort untersagt wird, wo die Meinungsfreiheit beschränkt ist. Wie viele Webseiten den neuen Statuscode einsetzen werden, bleibt abzuwarten.


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